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S wie Sitz (der Reiterin und des Reiters)

Wenn Hilfengebung dem Pferd tatsächlich helfen soll seine Reiterin in allen Lektionen losgelassen und ausbalanciert zu tragen, muss sie in einem Sitz wurzeln, der das Pferd nicht stört, der also ausbalanciert und losgelassen ist. Um mir selbst und meinen Schülern zu helfen diese Qualitäten in ihrem Sitz zu verbessern, arbeite ich seit längerem mit einem Bild und einer Reihe von Fragen, die die Wahrnehmung auf elementare Punkte lenken und der Reiterin so helfen Imbalancen zu erspüren und aufzulösen. Mit diesem Artikel komme ich der Bitte einiger Schülerinnen nach, dieses Bild und die Fragen einmal aufzuschreiben.
Achtung: die Bilder wurzeln in meiner Erfahrung als ReiterIN und TrainerIN. Meine Schüler sind zu über 95% weiblich und dies spielt im Bezug auf die Anatomie des Beckens eine bedeutende Rolle. Meine Bilder können erfahrungsgemäß auch männlichen Reitern helfen, allerdings brauchen sie dann u.U. gewisse Modifikationen, ich komme an einigen Stellen darauf zu sprechen.

weibliches und männliches Becken
A: Hüftgelenkspfanne, B: Symphyse, C: Sitzbeinhöcker, D: Steißbein, E: Hüftkamm (C) Kathrin Branderup-Tannous

 

Das erste Bild - die "Sitzfüße"
Stell Dir vor, dass Deine Kontaktfläche im Sattel bzw. auf dem Pferderücken aus zwei großen Füßen besteht. Dort, wo du die Sitzbeinhöcker spüren kannst, sind die Fersen dieser "Sitzfüße". Dort, wo die Sitzbeinäste nach vorn zur Symphyse (das "Kopfeisen" deines Beckens) führen sind die "großen Zehen", die Außenseiten der "Füße" liegen an der Innenseite der Oberschenkel. Um ein Gefühl für die Arbeit mit den folgenden Fragen auf dem Pferderücken zu gewinnen, kann man die Fragen auch durchspielen, während man allein (ohne Pferd) mit hüftbreit aufgestellten Füßen auf ebenem Boden steht.

Frage 1
"Stehen die Füße gleich weit weg von der Wirbelsäule des Pferdes?"
Betrifft: laterale Balance, Positionierung des Beckens
Nicht bei allen Pferd-Reiter-Kombinationen und in allen Lektionen müsse die "Sitzfüße" zwangsläufig den gleichen Abstand von der Wirbelsäule des Pferdes haben. In den meisten Fällen ist es jedoch wichtig, darauf zu achten, dass der "Sitzfuß", der in der Biegung innen ist, nicht näher an der Wirbelsäule des Pferdes steht und dass er sich ihr auch nicht annähert, wenn der innere Hinterfuß des Pferdes nach vorne greift.

Frage 2
"Stehen die Füße parallel zur Wirbelsäule des Pferdes?"
Betrifft: Ausrichtung des Beckens parallel zur Ausrichtung der Pferdewirbelsäule
Um die Kraftübertragung des Pferdes aus der Hinterhand über den Rücken auf die Voderhand nicht zu behindern, sollten die "Sitzfüße" parallel zu Wirbelsäule des Pferdes stehen. Stehen sie mit den Zehen parallel nach schräg vorn aus der gewünschten Biegungsrichtung hinauszeigend, verhindern sie eine korrekte Biegung des Pferdes. Sollte man das Gefühl haben, dass man "Entenfüße" hat , die vorne sehr breit sind und zehenweit stehen, oder umgekehrt, dass man vorne zeheneng steht, empfiehlt sich ein (anderer) Sattel bzw. eine Anpassung des Sattels.

 

Frage 3

"Stehen die Ballen oder die Fersen der Sitzfüße tiefer oder stehen die Sitzfüße in horizontaler Balance?"
Betrifft: horizontale Balance in Längsrichtung
Achtung: besonders in diesem Punkt spielt die verschiedene Anatomie von Männern und Frauen eine entscheidende Rolle!

Wenn Anatomie von Pferd und Reiterin zueinander passe, bzw. durch ein Pad/einen Sattel zueinander Finden können, sollte die ReiterIN das Gefühl haben relativ mühelös "Fersen" und "Ballen" der "Sitzfüße" in horizontaler Balance halten zu können, wenn sich das Pferd in horizontaler Balance bewegt. Erst in der Versammlung, wenn das Pferd den Brustkorb verstärkt hebt und die Hanken beugt, ist das Gefühl, dass die "Fersen" tiefer stehen wünschenswert und angemessen.
(Bei männlichen Reitern kann dies aufgrund der anderen Anatomie der Sitzbeine anders sein, sodass bei Männern bei senkrecht stehendem Becken die "Fersen" deutlich tiefer stehen als die "Ballen/Zehen".)
Hat man als Frau das Gefühl, dass die "Zehen/Ballen" tiefer stehen, oder dass sie auch ohne dass das Pferd versammelt geht deutlich höher stehen als die" Fersen", ist zu überprüfen, ob der Sattel die Reiterin in diese Imbalance zwingt. Wenn die Zehen tiefer stehen kann dies auch daran liegen, dass das Pferd den Brustkob zwischen den Schulterblättern hat absinken lassen und/oder dass es die Lende aufwölbt, und damit gegen die "Fersen" nach oben drückt. Weiteren Aufsschluss liefert hier u.U. auch Frage Nr. 4.

Frage 4
"Ist der Druck auf den Sitzfüßen gleichmäßig verteilt?"
Folgefragen: "Wo sind Druckspitzen? Wo besteht (fast) kein Kontakt?
Betrifft: Positionierung des Beckens,  laterale und horizontale Balance, Ausrichtung des Oberkörpers über dem Becken, Begleitung der Bewegung des Pferdes in 3 Dimensionen

Eine ungleichmäßige Druckverteilung führt sehr leicht dazu, dass das Pferd Gegendruck aufbaut, Losgelassenheit verliert, unerwünschte Spannungen entstehen und Biegung nicht möglich ist. Ungleichmäßige Druckverteilung entsteht aber häufig gerade dadurch, dass der/die Reiter/in versucht, die Bewegung des Pferdes durch den Sitz positiv zu beeinflussen. Passt dabei da Timing nicht ganz, oder hat der Mensch eine leicht verzerrte Vorstellung davon, wie sich die "richtige" Bewegung anfühlen müsste, entstehen Reibungs- bzw. Druckpunkte.

Eine häufige Ausprägung ungünstiger Druckverteilung auf den "Sitzfüßen" besteht darin, dass die Reiterin einen konstanten Druck auf der "Ferse" des inneren "Sitzfußes" aufbaut und den Kontakt mit dem "Ballen" und "großen Zeh" des äußeren Sitzfußes verliert. Eine Rückkehr zu Frage 2 liefert häufig die Auflösung dieser Situation und führt dann dazu, das das Pferd die Biegung annimmt. Ein weitere häufiges Phänomen ist erhöhter Druck auf beiden "Fersen" (Sitzbeinhöckern), weil das Becken ein wenig zu stark abgekippt wird. Dieser Druck führt meist dazu, dass das Pferd mit der Lende Gegendruck aufbaut, dabei mit der Brustwirbelsäule aber eher absinkt. Entweder drückt es dabei mit dem Maul nach uten auf die Hand (gerne mit einem positiven Spannungsbogen verwechseln) oder die Unterhalsmuskulatur wird sichtbar. Es kann aber auch passieren, dass das Pferd sich "aufrollt" und hinter die Hand kommt. Wenn der Sattel zu Pferd und Reiter passt, sollte es kein Problem sein, die Sitzbeinhöcker oder "Fersen" zu entlasten, bis eine gleichmäßige Druckverteilung auf "Ballen" und "Fersen" gewährleistet ist. Ist das Pferd sehr breit und der Reiter gerät deshalb in den Stuhlsitz (Stichwort "Entenfüße" bei Frage 2) wird er vermehrt Druck auf die Oberschenkel bringen müssen, um den langen Rückenmuskel des Pferdes zu entlasten und die Spannung aufzulösen.

 

Zweites Bild und Frage 5

"Wo ist Dein Schweif?"
Betrifft: laterale Balance, Position des Steißbeins, Phänomen des "Nach-außen-gesetzt-werdens"

Achtung: auch an dieser Stelle sind Männlein und Weiblein sehr verschieden, hier durfte ich noch nicht ganz so viel Feedback von männlichen Reitern einholen, würde mich aber über Rückmeldung freuen!


Die meisten Menschen haben keine gute Wahrnehmung für ihr Steißbein und sind sich nicht darüber bewusst, wo ihr Steißbein sitzt und wie sie es ausrichten, solange es sich nicht durch einen Unfall schmerzhaft ins Bewusstsein drängt. Unsere Wahrnehmung dieses Körperteils ist also ohne den Einsatz von etwas Phantasie meist sehr eingeschränkt. Daher greife ich auch hier gerne auf ein Bild zurück. Im Englischen heißt das Steißbein "tail bone", wörtl. Schwanzknochen/Schwanzbein. Bei Pferden würden wir nicht vom Steißbein sondern von Schwanzwirbeln in der Schweifrübe sprechen. Wenn Du Dir nun vorstellst, du hättest selber einen Schweif, wirst Du entdecken, dass Du ein relativ präzises Gefühl für Dein Steißbein entwickeln kannst. Eben dieses Gefühl ist für die Verbesserung des Reitersitzes Gold wert.

Wenn man sich nun also vorstellt, man habe anstelle des natürlicherweise leicht gekrümmten Steißbeins einen Schweif, so soll dieser locker und gerade herabhängen können, weder aufgerichtet sein, wie bei einem aufgeregten Araberpferd, noch eingeklemmt, wie bei einem nervösen iberischen Pferd. Außerdem sollte die Schweifwurzel entweder mittig über der Wirbelsäule der Pferdes platziert sein, sodass der Schweif quasi durch das Pferd hindurchhängt (die Geister aus Harry Potter lassen grüßen) oder der Schweif sollte (je nach Lektion) entspannt am inneren Schenkel entlang herabhängen. Sobald aber der Schweif, bzw. das Steißbein des Reiters nach außen rutscht, behindert der Sitz des Reiters die korrekte Biegung des Pferdes. Ehe man nun das Pferd mit sekundären Hilfen wie Zügeln und Schenkeln behelligt um die Biegung dennoch durchzusetzen, sollte man daher die Lage des Steißbeins korrigieren um gerade in der Biegung sitzen zu können und das Pferd nicht zu behindern.
Wer kennt nicht das Gefühl, dass das Pferd einen auf mindestens einer Hand nach außen setzt, und dass man dabei in der inneren Hüfte einknickt? Das erste Anzeichen dafür, dass dies geschieht, ist das Verrutschen des Steißbeins nach außen in dem Moment, in dem das innere Hinterbein stützt. Dies ist auch (meiner Erfahrung nach) der einzige Moment, in dem wir die unglückliche Dynamik auflösen können. Es hilft nicht, mehr Druck auf der Innenseite aufzubauen, wenn der innere Hinterfuß vorschwingt (dabei fängt man nur an, mit dem Oberkörper zu lehnen und oder das Becken falsch auszurichten, siehe Frage 2).  Vielmehr gilt es, sich in dem Moment des stützenden inneren Hinterfußes und des sich innen hebenden Rückens des Pferdes nicht nach außen verschieben zu lassen. Bei den meisten Reiter/innen scheitert dies nicht an der mangelnden Wahrnehmung der Imbalance, sondern am fehlenden  Verständnis für die Dynamik und das Timing, aber dagegen haben wir ja hiermit etwas getan. Sollte Dir in diesem Zusammenhang etwas unklar sein, lies den Text in Ruhe noch einmal, hinterlasse Deine Frage als Kommentar oder stelle sie mir persönlich bei einem Kurs ;-)

Diese zwei Bilder und fünf Fragen setzte ich sehr regelmäßig in meinem Unterricht und in meinem eigenen Training ein. Sie helfen die Wahrnehmung zu verbessern und Lösungsstrategien auf die Schliche zu kommen, wann immer man das diffuse Gefühl hat, dass etwas nicht ganz stimmig ist. Sie sind also nichts, was irgendwann "abgehakt" ist, sondern helfen in jedem Stadium der Ausbildung den Sitz der Reiterin oder des Reiters geradezurichten und eine möglichst optimale physische Verbindung zwischen Pferderücken und Reitersitz herzustellen. Diese Verbindung ist die Voraussetzung dafür, dass das Pferd sekundäre Hilfen annehmen kann und im Idealfall das, worauf sich alle Hilfengebung zuletzt reduzieren lässt, wenn wir das Pferd mit dem Sitz allein führen .

 

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